Die Chroniken des Aufziehvogels (Rezension)

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Die Chroniken des Aufziehvogels von Haruki Murakami

Ein Wort zur deutschen Übersetzung

Bei »Die Chroniken des Aufziehvogels« müsst ihr gut aufpassen, bevor ihr es lest. Wobei, eigentlich stimmt das so nicht. Eher bei »Mister Aufziehvogel«. Um das Ganze aufzuschlüsseln: Murakami hatte eine Zeit der miserablen Übersetzungen. In dieser Zeit wurde versucht, die englischen Übersetzungen seiner Bücher ins Deutsche zu übertragen (weil billiger), statt das japanische Original (komplexer und teurer) als Grundlage zu verwenden.

Problem bei der Sache: Englisch ist keine allzu tiefgründige Sprache und die Übersetzung »The Wind-Up Bird Chronicle« ist zu allem Überfluss nur stark gekürzt erschienen. Daraufhin nahm sich die wunderbare Ursula Gräfe einer neuen Übersetzung an und die ist, ich kann es gar nicht anders sagen, fantastisch geworden.

Um die 200 Seiten mehr gibt es im direkten Vergleich mit der vorherigen Übersetzung. Und so erscheinen neue Handlungsstränge, die bei der ersten Übersetzung schlichtweg verloren gegangen sind. Außerdem sorgt Ursula Gräfe für eine modernere Sprache. Kein Wunder, immerhin sind seit der Erstveröffentlichung fast 20 Jahre vergangen. Aber kommen wir zum eigentlichen Inhalt des Buches.

Was sind die Chroniken des Aufziehvogels?

Schwierig zu sagen, wie fast immer bei Murakami. Selten geht es in seinen Büchern, um das, was er dort tatsächlich beschreibt. Meistens dreht sich alles um eine andere Ebene, die oft sehr bedeutungsschwanger in Erscheinung tritt. Doch ich möchte dennoch versuchen, ohne Spoiler natürlich, eine kleine Übersicht der Handlung von »Die Chroniken des Aufziehvogels« zu gewähren.

Im Grunde handelt die Geschichte von Toru Okada, der, man könnte es wohl so sagen, ein ziemlicher Langweiler ist. Ein guter Mensch zwar, doch trübsinnig und ziellos, scheint er zu sein. In der Arbeit findet er kein Glück, in der Ehe jedoch schon. Wie ein getauschtes Klischee. Seine Frau ermutigt ihn, den Job zu kündigen und herauszufinden, was er eigentlich wirklich möchte. Also hört Toru auf, zu arbeiten, und lebt erst einmal in den Tag hinein.

Bis es zu einem schicksalhaften Moment kommt, in dem er herausfindet, dass seine geliebte Frau Kumiko ihn betrogen hat. Und, dass sie einen bösartigen Bruder besitzt, der ihre Schwester in den Selbstmord trieb und welcher der Familie seither zu schaffen macht. Puh, genug verraten. Mehr möchte ich erst einmal nicht dazu sagen.

Typisch Murakami gibt es dabei noch unzählige weitere Geschichten und Nebenschauplätze, wie auch eine Art von Rückblende in die Besetzung der Mandschurei, erzählt von einem alten Freund. Erinnerungsfetzen mischen sich also mit der Realität und auch die ist nicht immer so, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Ein Buch voller Methapern

Meiner Meinung nach ist »Die Chroniken des Aufziehvogels« voll von Metaphern, die eigentlich etwas ganz anderes bedeuten, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Genau das ist es aber auch, für das ich die Bücher von Murakami so liebe. Sie erzählen mir immer eine tolle Geschichte, meinen aber etwas ganz anderes, als es auf den ersten Blick scheint. Herausfinden kann das nur, wer nachdenkt und tiefer stochert, statt die Handlung einfach hinzunehmen wie eine Erzählung. Murakami-Bücher sind eher wie Märchen zu betrachten, in denen alles möglich ist.

Da ist zum Beispiel der Aufziehvogel, mit seinem schrillen Geräusch. Dieser erscheint immer genau dann, wenn es zu einer schicksalhaften Wende kommt. Wie ein Signal, dass sich nun eine Tür geöffnet hat, die gleich wieder zufällt, wenn niemand hindurchgeht.

Oder die Katze, die ich erst einmal so hinnahm, dann aber darüber stolperte, dass sie eine Art von Pegel für die Beziehung von Kumiko und Toru darstellt. Auch sie spielt immer genau dann eine Rolle, wenn sich die Beziehung zwischen den beiden verändert hat.

Noboru Wataya, eine Person des Bösartigen, ohne das Böse klar zu benennen. Und die mysteriöse Anruferin, die Toru Okada lustvoll um den Verstand bringen möchte, sich aber als dissoziierte Persönlichkeit offenbart.

»Die Chroniken des Aufziehvogels« ist voll von Metaphern und Hinweisen, die es unbedingt auch zwischen den Zeilen zu lesen gilt. Wer sie nämlich überliest, der verpasst, typisch für Murakami, eine ganze Menge des Buches und seiner Aussage.

Zweifelhafte Charaktere, starke Erzählung

Für viele gilt das Buch »Die Chroniken des Aufziehvogels« als eine Art Meisterwerk. Als das wichtigste Murakami-Buch überhaupt, welches alle Elemente, die ihn berühmt machten, perfekt miteinander vereint. Das stimmt gewissermaßen, und auch die, nicht immer ganz klar ersichtlichen, sehr harten Themen, gefallen mir dabei überaus gut. Murakami traut sich hier etwas. Etwas, was ich in seinen letzten Büchern oft vermisst habe.

Zum Beispiel dann, wenn May Kasahara, das junge, aufreizende Teeniemädchen aus der Nachbarschaft, ihm erzählt, dass sie schon immer mal einem Menschen beim Sterben zusehen wollte. Oder, wenn angedeutet wird, was Noboru Wataya, sein Schwager, in Wahrheit für ein Mensch ist. Welche Neigungen er hat. Wenn es auf einmal einen Ushikawa gibt, den Murakami-Leser bereits aus anderen Romanen kennen. Oder wenn Leutnant Mamiya in Rückblenden vom Krieg in der Mandschurei und den grausamen Folterungen mitsamt all der unnötigen Gewalt im Krieg erzählt.

Es gibt in »Die Chroniken des Aufziehvogels« viele zweifelhafte Charaktere, die allesamt von der starken Erzählung Murakamis getragen werden. Es ist unglaublich, wie er beiläufig Erzählstränge eröffnet. Die Stärke des Autors ist und bleibt dabei, dass alles eine Bedeutung hat, nichts nebensächlich erscheint und es trotz allem einen roten Faden gibt, der mitunter aber erst später sichtbar wird. Dennoch verzettelt er sich dabei nie.

Wer immer eine Erklärung für alles sucht oder auf die richtige Spur gebracht werden muss, kann mit Murakamis Büchern bestimmt nichts anfangen. Wer hingegen keine Angst davor hat, selbst weiterzudenken, wenn etwas offen bleibt, und sich die Zeit nimmt, das Buch zu verstehen, der wird hier vieles finden, über das er grübeln kann. Auch lange über den Roman hinaus.

Fazit zu »Die Chroniken des Aufziehvogels«

»Die Chroniken des Aufziehvogels« ist ein wahrlich schwieriges Buch, dessen Schwere mir zu Beginn gar nicht so klar war. Es fängt so normal an und erschlägt einen dann mit all seinen Zweideutigkeiten, Metaphern und Erzählsträngen. Alles, was passiert, erfordert von mir, dass ich darüber nachdenke. Auch deshalb dauerte es etwas, bis ich das Buch vollständig abschloss. Was natürlich auch an den knapp über tausend Seiten lag, die das Werk in physischer Form immerhin fast ein Kilo schwer machen. Es ist also nicht nur inhaltsschwer, sondern fühlt sich an wie ein Brocken.

Raten kann ich jedem Interessierten daher vor allem, besonders aufmerksam zu sein. Kleinigkeiten zu beachten und sich nach einem Kapitel Zeit zu nehmen, um über das soeben Gelesene nachzudenken. Es lohnt sich, mehr Zeit mit dem Buch zu verbringen, als nur die Seiten zu blättern.

So ist »Die Chroniken des Aufziehvogels« ein wirklich spannendes Buch, welches wunderbar andersartig zur bekannten Mainstream-Literatur auftritt. Ehrlicherweise waren die Rückblicke der Mandschurei für mich oft etwas nichtssagend. Mir fehlt einfach komplett der Bezug zur Mandschurei-Krise. Einen tieferen Sinn fand ich darin auch nicht, außer die andauernde Gewalt, die alltäglich wird. Vielleicht ist die Frage, die Murakami hier stellt, ob es böse Menschen einfach gibt oder ob das System böse Menschen formt und mitträgt. Aber zieht eure eigenen Schlüsse.

Wer Murakami liest, muss auch »Die Chroniken des Aufziehvogels« lesen, so viel ist klar. Ein brillantes Buch. Auch als Erstlektüre, für alle, die bislang noch keinen Bezug zum Autor hatten.