Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki (Rezension)

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Ikigai
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, von Haruki Murakami

Worum geht es in »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki«?

Das Buch »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« handelt von Tsukuru Tazaki, der ein vermeintlich gutes Leben führt, in Wahrheit aber mit einem düsteren Schatten kämpft. In seiner Jugend gab es da nämlich diese Clique, die ihn eines Tages, ohne weitere Hinweise oder Angaben zu den möglichen Gründen, von heute auf morgen komplett ausschloss. Warum genau sie das tat und was damals dazu führte, weiß Tsukuru bis heute nicht. Der Bruch war für ihn jedoch ein Wendepunkt, ein einschneidendes, fast tötendes Ereignis für seine Seele. Wie konnten seine besten Freunde ihn einfach verstoßen und danach nie wieder ein Wort mit ihm wechseln? Was hat er falsch gemacht? Was ist damals vorgefallen?

Nachdem er im Buch, viele Jahre nach diesem so einschneidenden Ereignis, in seinem späteren Leben als Erwachsener angekommen ist, stellt er sich diese Frage allerdings nur noch am Rande. Er hat inzwischen damit abgeschlossen und lebt sein vermeintlich zufriedenes Leben, ohne die Vergangenheit beständig neu zu hinterfragen. Damals war es unglaublich schwer für ihn, doch heute verdrängt er all diese Erinnerungen nur noch. Erst seine neue Freundin, eine Frau namens Sara, die er wirklich gern hat, zeigt weiterführendes Interesse an dieser Geschichte und bringt ihn dazu, sich seiner schweren Vergangenheit zu stellen. Und so macht sich Tsukuru Tazaki auf eine weite Reise, um das Rätsel ein für alle Mal zu lösen und endlich aufzuklären, warum seine Freunde ihn damals ausgestoßen und geächtet haben. Die Reise ist dabei nicht immer weltlicher Natur, sondern oft auch ein Trip durch seine tiefen und zum Teil sehr düsteren Gefühlswelten.

Das ist im Wesentlichen die Handlung von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki«, die auf den ersten Blick unscheinbar und fast langweilig wirkt. Es ist erneut eines dieser Bücher, die ich mir, nur auf Basis des Klappentextes, niemals gekauft hätte. Den Autor (Schande über mich) kannte ich vorher noch gar nicht. Dass Haruki Murakami ziemlich berühmt für seine Werke ist, offenbarte sich mir somit erst viel später und zudem auch erst nach dem Lesen des vorliegenden Buches. Vielleicht war das auch gut so, denn so ging ich vollkommen unbedarft und unvoreingenommen an das Werk heran.

Was macht »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« aus?

Für mich ist es die brillante Schreibweise, die hier in »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« eine geradezu prominente Rolle einnimmt. Haruki Murakami schafft es, wie schon lange kein Autor mehr, mir Orte und Ereignisse zu beschreiben, die ich fortan wie ein Bild vor Augen habe. Das ist mir seit vielen Jahren nicht mehr so eindrucksvoll passiert. Nur wenige Autoren schaffen derartiges überhaupt. Haruki Murakami gelingt dies geradezu spielerisch, wenn auch nicht von Anfang an.

Denn »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« beginnt gemächlich, mit wenig Spannung oder gar Antrieb, und die Geschichte wirkt auf mich fast schon allzu konstruiert. Das mag aber auch daran liegen, dass hier ein wenig die japanische Seele spricht, die mir mitunter natürlich fremd ist. Freunde, die einander verstoßen, dann nie mehr miteinander reden, ohne aber die Gründe dafür mitzuteilen, obwohl sie sich kurz vor dem Selbstmord befinden, entspricht einfach so gar nicht der europäischen Kultur oder dem gesellschaftlichen Miteinander hierzulande. Wie in vielen Büchern aus Japan sind die Grundsätze der Geschichte daher ein wenig fremdartig und allgemein schwingt oft auch eine große Melancholie mit. Jeder versucht jederzeit, seine Gefühle unter Kontrolle und für sich zu behalten, ist gleichzeitig innerlich jedoch bereits vollkommen zerstört. Ich mag das und es beschreibt für mich auch die japanische Seele, die mir hinter ihrem Vorhang immer leicht depressiv zu sein scheint. Dennoch wirkt das Grundkonstrukt dadurch eigenartig und unlogisch.

Nun beginnt das Buch also eher geruhsam, wenig spannend, fast ein wenig trostlos und nicht nachvollziehbar. Umso überraschter war ich, als »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« mich dann doch schnell packte und mit sich zog. Was erst vor sich hin plätscherte, nahm auf einmal unglaubliche Fahrt auf. Es wurde verrückt, mitunter bedeutungsschwanger und häufig auch unglaublich tiefgründig, vielfach nur zwischen den Zeilen. So etwas liebe ich, weil die Bedeutung erst durch Nachdenken entsteht und einem nicht in den Kopf gebrannt wird. Zudem wurde es immer unvorhersehbarer, wohin die Reise als Nächstes gehen würde. Ereignisse reihten sich aneinander, von denen ich selten dachte, dass sie auf diese Weise eintreffen würden. »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« ist, was das angeht, wirklich toll geschrieben. Überaus abwechslungsreich.

Dazu kommen beständig lebhafte Umschreibungen von Orten, Personen, Gegenständen oder Ereignissen. Murakami schafft es, mir all das bildlich zu beschreiben und lässt das Buch damit geradezu lebendig wirken. Er malt in meinen Kopf gekonnt das, was ich selbst beim Betreten eines Raumes als erstes wahrnehmen würde, oder geht auf Eigenschaften ein, die alles über eine bestimmte Person zu sagen scheinen. Dadurch gelingt es ihm, dass ich sehr nah am Geschehen bin, alles stets vor Augen habe, ohne aber langweilig aufzuzählen, was alles im Raum ist, wie es manch andere Autoren tun. Hier bleibt ein gewisser Schwung anhaftend. Ich weiß einfach, wie das Drumherum aussieht, nur durch ein paar seiner Sätze. Das ist fantastisch und ebenfalls etwas, was leider nur sehr wenige Autoren derart gut beherrschen.

Wer ist der Autor Haruki Murakami?

Schande über mein Haupt, doch Haruki Murakami war mir bislang unbekannt. Erst jetzt, nach der Begeisterung für »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki«, las ich etwas über ihn und erfuhr, dass er wohl bereits alle wichtigen japanischen Literaturpreise gewonnen hat und bisher nur an mir vorübergegangen ist. Er ist also weder unbekannt noch ungewürdigt, was mich schon einmal freut. Zudem besitzt er einen prägnanten und bekannten Stil, für den ihn einige schätzen, andere meiden. Wie immer bei großen Autoren also, bleibt es eine Geschmacksfrage, ob ihr selbst mit der Schreibe warm werdet und in ihr aufgeht oder nicht. Ich empfinde sie als etwas sehr Besonderes. Oft märchenhaft, aber wie ein bittersüß realistisches Märchen.

Von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« bin ich restlos begeistert. Das Buch schafft es, Grenzen literarisch verschwimmen zu lassen. Realitäten mischen sich mit Gedankenwelten und surrealen Elementen, die dann mit nüchternen Fakten unterlegt oder ergänzt werden. Vollkommen beiläufig ist dann von klassischer Musik die Rede, in diesem Falle von einem Klavierstück (Franz Liszt - Années de pélerinage) und wer es am besten spielt. Auch das dient einer Erinnerung, die auf diese Weise ganz und gar bildlich wird. Toll, wie Murakami hier meine Gedankenwelt anregt, bis ich etwas vor mir sehe und buchstäblich tief in mir drin spüre, anstatt es nur zu lesen.

Vermeiden solltet ihr anscheinend aber die Bücher, die aus dem Englischen übersetzt wurden. Es gibt wohl einige Werke von ihm, die zur Kosteneinsparung nicht aus dem Japanischen übersetzt worden sind, sondern aus dem Englischen. Diese gelten als sprachlich flach und nicht immer passend übersetzt. Was ich mir sehr gut vorstellen kann, da Haruki Murakami nicht generisch, sondern äußerst durchdacht und clever schreibt. Da geht sicherlich auch so schon viel Finesse in der Übersetzung verloren, die hier in »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« aber grandios geglückt. Jedenfalls soweit ich das beurteilen kann. Auch sprachlich spricht Haruki Murakami ein hohes Niveau. Immer ausgeprägt gebildet, aber nie künstlich hochtrabend oder gar geformt.

Mein Fazit zu »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki«

Von allein wäre ich nicht darauf gekommen, mir ein Buch von Haruki Murakami zu kaufen. Wie der Zufall so wollte, stieß ich aber auf viele Empfehlungen und Verweise zu seinen Werken. Doch selbst der Klappentext von »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« löste in mir noch keine allzu große Neugierde aus. Es war und ist eines der Bücher, die ich kaufte, weil ich immer wieder von ihm las. Haruki Murakami wurde dabei häufig im Kontext mit anderen Büchern erwähnt, die mir gefielen, und so gab ich »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« letztlich eine Chance und bestellte es mir. Zum Glück, wie sich dann herausstellte.

Das bereue ich nämlich absolut nicht und freue mich bereits auf mein nächstes Buch von Murakami. Es ist unglaublich, wie erfrischend seine Schreibe ist. Fast als wäre die Handlung selbst, mitsamt ihrer Auflösung am Ende, gar nicht das, was das Buch ausmacht. Denn das ist sie auch nicht. Es geht um all die Dinge mittendrin und die Worte, die er zwischen den Zeilen versteckt, die aufregend andere Schreibweise, das hohe Tempo der Ereignisse oder auch die langsamen Phasen voller Langeweile, die dann doch überraschend spannend sind. Murakami beherrscht als Autor dabei ein ganz besonderes Timing, sodass »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« mal plätschert, dann rast, sich wieder besinnt und plötzlich abdriftet in eine ganz andere gedankliche Welt voller Surrealität und um sich schlagenden Gefühlen. Teilweise ist das brillant, manchmal lediglich pathetisch, dabei jedoch nie enttäuschend.

In »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« scheinen zudem alle möglichen Themen vorzukommen. Langweiliger Alltag findet somit ebenso seinen Platz, wie psychische Erkrankungen, brutale Ereignisse, sentimentale Gedanken oder tiefgründiges Besinnen, gepaart mit einem gewissen Weltschmerz. Nichts scheint unmöglich in diesem Buch und was eben noch wie eine trostlose Erzählung wirkte, wird bereits im nächsten Moment ein Krimi oder verwandelt sich in eine Art Fabel. Ich liebe Bücher, die mehr sind als ihre eigentliche Haupthandlung. Das ist bei »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« definitiv der Fall.

Denn wie zuvor erwähnt: Die Prämisse könnte für mich gar nicht langweiliger sein. Es ist vielmehr das, was aus ihr wird, was drumherum geschieht, was mich ergreift und mitschleppt. Und es ist dabei auch immer wieder die so andersartige und aufregende Schreibweise von Haruki Murakami selbst, die mich führt und dazu bringt, »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« geradezu verschlingen zu wollen. Es ist wirklich lange her, dass ich mich so sehr auf das Weiterlesen gefreut und mir ein Buch derart einverleibt habe. Klare Empfehlung also.