Die Vegetarierin (Rezension)
⭐⭐⭐⭐ ⭐
Buch auf Amazon.de* ansehen
Ein Buch wie Fight Club
Das Buch »Die Vegetarierin«, von der südkoreanischen Autorin Han Kang, ist ein Buch wie »Fight Club«. Es erinnert mich so sehr daran, was Chuck Palahniuks Werk damals in mir auslöste, dass es geradezu grotesk ist. Auch die kompakte Schreibweise, bei der kein Wort gestreckt oder zu viel zu sein scheint, gleichzeitig aber alles mehrdeutig ist und zwischen den Zeilen steht, ist beeindruckend und erinnert mich ebenfalls an das eben genannte Werk eines anderen Autors. Beide erschaffen mit wenigen Worten und Seiten endlos viel.
Damit möchte ich jedoch keinesfalls sagen, dass »Die Vegetarierin« eine Kopie von »Fight Club« ist oder auch nur dieselben Themen behandelt. Es ist kein Buch wie »Fight Club«, es erinnert nur an die kontroverse Machart mitsamt unterschwelligen Aussagen. Weil es ein ähnlich direktes Thema anspricht, ohne es dabei aber klar zu benennen. Alles scheint nur ein Gedanke zu sein, der für etwas anderes steht.
Im Nachgang des Buches las ich oft von einer kafkaesken Geschichte. Das trifft durchaus zu. Und doch empfinde ich »Die Vegetarierin« nicht als besonders abgefahren. So wie in »Fight Club« schrittweise die Fight Clubs entstehen, möchte die Protagonistin in »Die Vegetarierin« nichts anderes als eine Pflanze werden, ein lebendiger Baum. Und der Weg dorthin ist geprägt von Geisteskrankheiten.
Es geht nicht um Vegetarier
Auch wenn der Titel etwas anderes vermuten lässt, geht es in »Die Vegetarierin« eigentlich nicht um Vegetarier. Also schon irgendwie, aber eigentlich auch nicht. Lasst mich das kurz mal genauer erklären. In »Die Vegetarierin« dreht sich alles um Yeong-Hye, die kein Fleisch mehr isst und damit ihren Ehemann und ihre Familie schockiert. Aber nicht, weil sie Tiere schützen möchte, sondern aus vollkommen anderen Gründen. Es geht eher um persönliche Albträume, die sie belasten, sowie um Normen der Gesellschaft, die sie erdrücken.
Dabei dreht sich das Buch auch nicht um den Vegetarismus als solchen. Vielmehr scheint er eine Art Metapher zu sein. Für neue Ansichten, alte Grenzen oder auch nur für das Verständnis, was wir für andere aufbringen, ohne uns selbst davon angegriffen zu fühlen. Vielleicht geht es auch um Südkorea und die dortigen Werte, doch davon verstehe ich nichts und lese das auch nicht zwangsläufig heraus. Es geht für mich um etwas Größeres als nur um gesellschaftliche Zwänge einer Frau.
Gleichwohl ist es aber eben definitiv kein Buch, welches Vegetariern oder Veganern in irgendeiner Art und Weise zur Seite steht. Es proklamiert keine solche Ernährungsweise und es hat im Grunde auch rein gar nichts damit zu tun. Außer eben, dass die Hauptdarstellerin sich vegetarisch ernährt und dies der erste Stein des Anstoßes von vielen wird.
Auf dem Weg, ein Baum zu werden
Yeong-Hye möchte sich nicht nur vegetarisch ernähren, sie möchte auch selbst zur Pflanze werden. Nicht sofort, nicht als Plott-Twist, sondern meiner Meinung nach ebenfalls wieder als Metapher für etwas anderes. Aber sicherlich merkt ihr schon, wie verstörend »Die Vegetarierin« in jeder Zeile zu sein scheint. Es ist ein wenig wie der Bericht aus einer Psychiatrie, und zwar gleich aus mehreren Blickwinkeln und Perspektiven heraus.
Die Protagonistin hat ein großes Problem. Niemand versteht sie oder erahnt auch nur, was in ihrem Kopf vor sich geht. Statt sie verstehen zu wollen, schickt ihre Familie sie allerdings in ein Krankenhaus. Während sie sich selbst immer weiterentwickelt und sich allmählich aus ihrem Umfeld und auch der Menschheit als solcher löst.
Die Geschichte in »Die Vegetarierin« erzählt sich, wie eben erwähnt, aus mehreren Blickwinkeln heraus. Das macht sie spannend, da wir die unterschiedlichen Sichtweisen kennenlernen, die ebenfalls viel mit Verständnis und Familienbande zu tun haben. Aber auch mit Missbrauch, Gewalt und Kontrolle durch andere.
Dabei kenne ich mich mit Südkorea nicht aus, doch das Buch beschreibt sicherlich auch gesellschaftliche Regeln und übt Kritik an den strengen sozialen Normen. Ein Leben, aus dem Yeong-Hye unbedingt ausbrechen möchte und dann auch ausbricht. Sich vegetarisch zu ernähren, steht also eher für den Ausbruch als solches, als für die Ernährungsform. Sie macht einfach nicht mehr mit. Sie ist von heute auf morgen kein Teil der Gesellschaft mehr und wird, aufgrund einer einzigen Entscheidung, durch und durch anders behandelt.
Simple, aber perfekte Sprache
Lasst mich ehrlich sein. »Die Vegetarierin« ist stellenweise absolut platt und einfach geschrieben. Das ist keine komplizierte Literatur wie ein Murakami und es ist auch nicht bildungssprachlich wie David Foster Wallace oder popkulturell wie Bücher von Chuck Palahniuk. Han Kang liefert hier eine absolut simple, auf den Punkt gebrachte Sprache, die nie drumherumredet und auch keine komplizierten Wörter sucht, nur um sich interessanter zu geben. Die Autorin versteht es, einfach nur das zu erzählen, was sie erzählen möchte. Durchaus zwischen den Zeilen, aber nie allzu komplex verborgen.
Das hier ist kein schwieriges Buch. Es ist eine Geschichte, aus drei Perspektiven, die am Ende auf viele Weisen gedeutet werden kann. Das klassische Ende gibt es nicht. Wer nach einem Abschluss sucht, findet ihn nicht. Für mich geht das Buch daher auch im Kopf weiter. Macht euch unbedingt Gedanken dazu, was ihr da gerade gelesen habt. Am besten schon nach jedem Kapitel. Denn die Aussagen im Buch sind vielfältig und mitunter für jeden verschieden. Das Darüber-Nachdenken macht »Die Vegetarierin« interessant.
Vielleicht kann nicht jeder etwas damit anfangen. Vielleicht ist es aber auch gerade die simple Sprache, die es für alle gleichermaßen attraktiv werden lässt. Es ist schnörkellos direkt, bleibt bei den Hauptfragen jedoch relativ vage und handelt von einer gestörten Frau, um die es letztlich vielleicht gar nicht geht. Die eventuell selbst nur eine Metapher für eine Gesellschaft ist, die jeden unterdrückt, der anders zu sein scheint. Und es geht unglaublich viel um Familienbande und darum, wie unterschiedliche Familienmitglieder sich verhalten, wenn es darauf ankommt. Wenn Misshandlungen oder Fehlverhalten sichtbar werden.
»Die Vegetarierin« ist schwierig in Worte zu fassen, und doch war ich begeistert von dem Buch. Weil ich solche mehrdeutigen Aussagen liebe und es mag, wenn vieles zwischen den Zeilen verborgen bleibt und ein eigenes Nachdenken einfordert. Dennoch ist es ein Buch, mit dem nicht jeder etwas anfangen kann. So wie auch Fight Club für die einen genial ist und für die anderen eine sinnlose, ziemlich brutale Geschichte darstellt. Daher der Vergleich.
Für mich selbst war »Die Vegetarierin« kein Meisterwerk. Aber eines der besseren Bücher, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Alleine schon, weil es ein Nachsinnen in mir anregte und mich noch einige Tage danach beschäftigte. Denn auch das ist »Die Vegetarierin«. Eine schwierige Literatur mit schwierigen Themen, deren schwierige Gedanken ich mitunter mit ins Bett nahm und über die ich noch lange nachdachte, während es schwierig war, einzuschlafen.