Naokos Lächeln (Rezension)

⭐⭐⭐⭐⭐

Buch auf Amazon.de* ansehen

Naokos Lächeln von Haruki Murakami
Naokos Lächeln von Haruki Murakami

Worum es in der Liebesgeschichte geht

In »Naokos Lächeln« dreht sich alles um den jungen Toru Watanabe, der eigentlich nur studiert, sich dann aber doch in viele verschiedene Liebes- und Lebensgeschichten verstrickt. Dabei geht es nicht nur um die namensgebende Naoko, sondern auch um seinen Freund Kizuki und die verrückte, aber ebenso bezaubernde Midori sowie die deutlich ältere Reiko. Und es gibt jede Menge Sex und Gespräche darüber.

Verpackt ist »Naokos Lächeln« dabei vollkommen Murakami-untypisch. Jedenfalls war ich sehr verwirrt darüber, dass sich das meiste in dem Buch stark von seinen bisherigen Werken unterscheidet. Weil all das so gar nicht zu dem passte, was ich bislang von Murakami gelesen hatte und kannte. Von »1Q84« über »Die Stadt und ihre ungewisse Mauer« oder »Die Ermordung des Commendatore« und »Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki« sowie »Honigkuchen« habe ich inzwischen vieles von ihm gelesen. Weil ich es toll finde, wie er schreibt und wie andersartig er Geschichten formt.

Gleich vorweg: »Naokos Lächeln« ist eben kein typischer Murakami. Das macht den Roman nicht automatisch schlecht, aber er ist von Anfang an kein Meisterwerk. Darüber möchte ich euch gerne noch etwas mehr erzählen. Lest also einfach weiter, wenn ich euer Interesse geweckt habe.

Ein ziemlich befremdliches Frauenbild

Ziemlich verstörend ist für mich das Frauenbild, welches sich in »Naokos Lächeln« auftut und von Murakami entsprechend gezeichnet wird. Nicht falsch verstehen, der Roman erschien in den späten Achtzigerjahren und spielt selbst in den Sechzigern, doch dennoch wirkt vieles darin aus heutiger Sicht eher befremdlich. Umso befremdlicher vermutlich, weil es eine japanische Sicht auf die Sechzigerjahre ist, deren Weltanschauung sich ohnehin sehr stark von der europäischen unterscheidet.

Auch scheint der Sex in »Naokos Lächeln« häufig kein Teil einer Beziehung zu sein, sondern wird als permanenter Drang dargestellt, der unbedingt erfüllt werden muss. Von Männern, versteht sich. Während die Frauen auch das Fremdgehen zu akzeptieren haben, weil Männer nun einmal ihren Druck ablassen müssen und so sind. Dazu gibt es Protagonistinnen, die völlig verstört wirken und dadurch anziehend sind, es gibt Vergewaltigungsfantasien und eine Klavierlehrerin, die von einer Minderjährigen missbraucht wird.

Jetzt könnte man meinen, dass das alles die sexuelle Revolution der Sechzigerjahre aufzeigen soll, sowie das Ausleben einer vermeintlichen Jugend hin zum Erwachsenwerden. Alles okay und akzeptabel. Nur leider ist das Welt- und Frauenbild in »Naokos Lächeln« derart gestört, dass ich aus europäischer Sicht oft nur mit dem Kopf schütteln kann. Um »Naokos Lächeln« zu lesen, muss diese Sichtweise auf das weibliche Geschlecht jedoch akzeptiert werden, weil der Roman sonst nicht funktioniert und keinen Sinn ergibt. Das fiel mir mitunter ziemlich schwer. Zu weit ist dieses Frauenbild von meiner eigenen Realität und Wahrnehmung entfernt.

Kein moderner Murakami-Roman

Wer einen klassischen Murakami erwartet, mit absurden Ereignissen und einer fremdartigen, märchenhaften Erzählung, wird von »Naokos Lächeln« bitter enttäuscht. Der Roman hat so gar nichts mit den späteren Werken Murakamis gemeinsam. Vielmehr ist er eine teilweise sachliche, bis nüchterne Schilderung von Ereignissen und Beobachtungen. Viel Belangloses ist dabei. Einiges ist spannend, doch das meiste ist, ganz wie im echten Leben, einfach nichts Besonderes.

Deshalb passiert im Buch oft auch erschreckend wenig. Genau das würde ich aber wiederum als die Stärke von »Naokos Lächeln« bezeichnen. Es ist eine ganz leise, unheimlich sanfte Liebesgeschichte, die einfach nur von Toru Watanabe, seinem Liebesleben und seinem Erwachsenwerden erzählt. Dass das nicht langweilig wird, liegt vor allem an den Menschen um ihn herum, denn Toru selbst ist ebenfalls eher unscheinbar und, ich möchte fast sagen, langweilig.

Lediglich die sanfte Schreibweise, das gekonnte Verweben von beiläufigen Geschichten, sowie die Schilderung von Orten, Musik und Literatur, sind es, die Murakami in diesem Buch erkennen lassen. Etwa, wenn Toru »Der Zauberberg« von Thomas Mann liest und sich daraufhin auf ins Gebirge macht, in ein Sanatorium, zu seiner Freundin, bei der er ein paar Tage verbringt, in dieser ganz anderen, so zauberhaften Welt.

Aber diese Momente sind mir zu rar gesät. Zu oft kämpfe ich mich durch langweilige Passagen, in Erwartung des nächsten Moments. Als Murakami funktioniert »Naokos Lächeln« für mich daher nicht. Es ist kein schlechtes Buch, aber durchweg nichts Besonderes, so erschien es mir nach Abschluss.

Mehr Young Adult als Murakami-Märchen

»Naokos Lächeln« ist somit kein klassischer Murakami und damit am Ende irgendwie auch verblüffend, nun ja, gewöhnlich. Von der interessanten Schreibweise des Autors ist hier jedenfalls nicht viel zu finden. Vielmehr stolperte ich sogar oft über schlecht geschriebene Passagen mit holprigen Sätzen. »Naokos Lächeln« ist somit auch handwerklich kein guter Roman. Mir ging es in dem Buch bestimmt fünf bis siebenmal so, dass ich mich fragte, ob ich hier wirklich einen Murakami lese. Stellenweise wirkte vieles sehr unrund und einfach nicht schön geschrieben. Das war ich von Murakami bisher anders gewohnt.

Überhaupt ist »Naokos Lächeln« als Roman eher im Genre Young Adult einzuordnen. Regelmäßig erinnert es mich beim Lesen an eine typische Coming-of-Age-Geschichte. Mit dem Unterschied, dass diese hier eben in den Sechzigerjahren spielt und sich, zumindest gefühlt, auch an diejenigen richtet, die das Damals so erlebten. Eine Art von verspäteter Coming-of-Age-Geschichte für mittlerweile alt gewordene Herren.

Ständig geht es um den Aufruhr der Studierenden, um das Erwachsenwerden, die erste Liebe, um enge und weniger enge Freundschaften sowie um Leben und Tod selbst. Vor allem aber Sex spielt in »Naokos Lächeln« eine große Rolle. Dabei wird er aber vergleichsweise trocken beschrieben. Etwa, wenn davon die Rede ist, wie der Penis eindringt. Das hat nichts Pornografisches, sondern beschreibt eher einen Trieb. Gleichzeitig geht es um lesbische Beziehungen und immer wieder um die eine große Dreiecksgeschichte. Letztere ist dann wohl auch der eigentliche Kern von »Naokos Lächeln«.

Nervig komplizierte Dreiecksgeschichte

Das Buch dreht sich dabei um die komplizierte Situation, in der sich Toru wiederfindet. Um Freundschaften, bei denen einer zu viel ist. Um Kizuki und Naoko, das traumhafte Liebespaar, bei dem aber doch auch Toru mitmischt, da er sich zu Naoko und Naoko sich zu ihm hingezogen fühlt. Wie zuvor erwähnt, steckt viel Young Adult im Roman, da genau solche Dreiecksbeziehungen doch recht typisch für Jugendliteratur sind, seltener jedoch in der Welt der Erwachsenen stattfinden.

Als wäre das alles nicht schon verwirrend und kompliziert genug, trifft Toru dann auch noch die hinreißende und etwas verrückte Midori. Die ist so ganz anders, als alle um Toru herum, und scheint sonst ein totaler Gegenpol zu Naoko und ihm selbst zu sein. Klar also, dass auch sie verschiedene Gefühle auslöst, die Toru zunächst nicht zu deuten vermag.

Das gesamte Buch handelt somit von einer Art intellektueller Dreiecksbeziehung. Weil Murakami dabei sehr vorsichtig mit der Sprache umgeht und beispielsweise keine direkten Sexszenen im klassischen Sinne darstellt. Und doch ist »Naokos Lächeln« am Ende dann nur die Schilderung eines Studenten, der erwachsen werden und verstehen muss, warum diese Art von Dreiecksbeziehung nicht funktioniert und auch niemals funktionieren wird.

Fazit zu »Naokos Lächeln«

Mein Fazit ist, trotz aller Kritik am Roman, durchaus positiv. Was Haruki Murakami mit »Naokos Lächeln« erschaffen hat, ist nämlich eine sehr sanfte, ruhige, geradezu unspektakuläre Liebesgeschichte. Vieles darin wirkt kulturell fremd, aber nicht zwangsläufig ungewöhnlich. Nur anders dargestellt. Leider liest sich »Naokos Lächeln« dabei ziemlich plätschernd. Nie langweilig, aber auch nie besonders spannend.

Für mich ist »Naokos Lächeln« damit bedauerlicherweise kein brillantes Buch, an das ich mich auf ewig erinnern werde. Es ist ein früher Murakami, der mit den späteren Werken kaum etwas gemeinsam hat. Nichts, was begeistert. Nichts, was enttäuscht. Aber vielleicht auch nicht unbedingt das, was ich vorab erwartet hatte.

Am Ende steckt unglaublich viel Jugendbuch in »Naokos Lächeln«. Es ist weniger etwas für Murakami-Liebhaber, als vielmehr etwas zum sanften Einstieg in seine andersartige Schreibweise. Und dann ist »Naokos Lächeln« durch die vielen erwähnten, oft sehr alten Songs, die unspektakuläre Handlung und die Zeit in den Sechzigern, irgendwie doch kein Buch für moderne Jugendliche.

Es scheint fast so, als hätte Murakami hier eine Coming-of-Age-Geschichte verfasst, wie er sie in den Sechzigerjahren selbst gerne gelesen hätte. Ein Buch, das für mich aus der Zeit gefallen zu sein scheint und mich unbefriedigt zurücklässt. Vor allem, da am Ende im Grunde rein gar nichts passiert ist, was mich zum Nachdenken anregt. Aber vermutlich liegt das auch an mir. Und schlussendlich passt der Untertitel Nur eine Liebesgeschichte dann doch ziemlich gut, denn vielmehr als das ist »Naokos Lächeln« nun einmal nicht.