Kleine Wunder um Mitternacht (Rezension)
⭐⭐⭐⭐⭐
Kleine Wunder um Mitternacht, von Keigo Higashino
Ein Abend im Bett
Wie genau ich auf das Buch »Kleine Wunder um Mitternacht« gekommen bin, weiß ich heute gar nicht mehr. Es war einer dieser Spontankäufe, weil ich irgendwo, irgendwann, irgendwas darüber gelesen hatte, was ich wohl irgendwie spannend fand. Was das war, weiß ich heute schon nicht mehr. Nur, dass das eBook von »Kleine Wunder um Mitternacht« vor ein paar Wochen in meiner Bibliothek auftauchte, als ich gerade auf der Suche nach dem nächsten kleinen Buch als Lückenfüller war.
So handhabe ich das nämlich. Nachdem ich etwas Kompliziertes, Großes und oft sehr Komplexes durchgelesen habe, folgt erst einmal etwas Kleines. Ein Buch, bei dem nicht ganz so viel Nachdenken gefragt ist und dessen Sprache mir nicht allzu schwierig erscheint. »Kleine Wunder um Mitternacht« sollte dieses Buch werden, nachdem ich zuletzt eine größere Serie abgeschlossen hatte. Doch worum es in dem Buch genau ging, wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.
Also schaute ich mir »Kleine Wunder um Mitternacht« noch einmal im Shop an, las den Klappentext und war anschließend auch nicht viel schlauer als vorher. Weder sagte mir der Autor etwas, noch gab es eine vielsagende Beschreibung zum Inhalt selbst. Und so fing ich einfach an, zu lesen. Nicht ganz um Mitternacht, aber an einem schönen Abend im Bett, auf der Suche nach wundersamer Buchromantik.
Ein Haus um Mitternacht
»Kleine Wunder um Mitternacht« beginnt als eine belanglose, aber gleichwohl schön geschriebene Geschichte. Ein paar Kleinkriminelle haben etwas gestohlen, sind dann aber mit ihrem Auto liegengeblieben und nun auf der Suche nach einem Versteck. Das finden sie in einer Art Abrisshaus am Stadtrand. Alt und verlassen steht es da, der ideale Unterschlupf also für ein paar Kleinkriminelle, bis zum Morgengrauen, wenn es wieder hell wird.
Kaum in dem Haus angekommen, geht es auch schon los. Etwas stimmt hier nicht. Die Zeit in dem Haus vergeht anders als draußen und immer wieder sind da merkwürdige Geräusche zu hören. Nach einer Weile wird dann klar, dass es zu dem Haus eine lange Geschichte gibt. Und auch, dass immer noch Post zu dem Haus gelangt, auch heute bis Mitternacht.
Die drei Freunde sind inzwischen bereits mittendrin in dem Wunder um Mitternacht. Sie erforschen, wie durch einen Zufall, die Geschichte des Hauses, antworten auf die Briefe, die mitten in der Nacht eintreffen, und erkennen, dass die Welt und das Leben manchmal ganz komische Verbindungen ziehen. Der Zauber beginnt. Ihr müsst euch nur darauf einlassen, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht.
Eine Sammlung von Kurzgeschichten
Als ich »Kleine Wunder um Mitternacht« begann, dachte ich zunächst, das ganze Buch wäre eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das ist auch so, aber dann doch nicht so richtig. Denn es stimmt zwar, dass »Kleine Wunder um Mitternacht« in jedem Kapitel eine andere Geschichte erzählt, doch am Ende hängen diese dann doch zusammen.
»Kleine Wunder um Mitternacht« macht die Sache dabei sogar ganz geschickt. Am Anfang weiß ich davon noch gar nichts. Mit jeder Seite werden die Verbindungen dann aber offensichtlicher. Mal geht es um Orte, mal um Personen und dann geht es doch um so ziemlich jeden Aspekt, der miteinander verwoben und verbunden ist. Das ist ziemlich clever.
Und es ist noch dazu genial geschrieben. Das große Ganze ergibt schlussendlich nämlich richtig Sinn. Die Puzzleteile werden zunehmend mehr, setzen sich zusammen und Kapitel für Kapitel verstehe ich, was es mit dem Dorf, dem Haus und den Menschen auf sich hat und wie ihre Geschichte zusammenfindet. Selten habe ich ein Buch gelesen, welches diese Form der Erzählung derart geschickt vollzieht. Aus Kurzgeschichten wird dann doch ein Gesamtwerk. Toll!
Der meistgelesene Krimiautor aus Japan
Was ich hingegen so überhaupt nicht wusste, war, dass der Autor von »Kleine Wunder um Mitternacht«, Keigo Higashino, bereits ziemlich bekannt ist. Liegt vielleicht daran, dass ich mich bei Büchern nur für die Werke selbst begeistern kann. Ich schaue nicht auf den Umschlag, nicht auf den Klappentext, sondern ich lese und erlebe. Ist etwas gut, dann ist es gut. Wenn nicht, ziehe ich eben weiter und lese etwas anderes.
Keigo Higashino schrieb zunächst nur Kurzgeschichten, neben seinem eigentlichen Beruf, machte sich mit diesen aber schnell einen Namen und gewann sogar Preise. Kein Wunder, dass er in den 90er-Jahren durchstartete und zum Vollzeitautor wurde. Berühmt wurde es wohl vorwiegend dadurch, dass seine Krimis keine klassischen Täter‑/Opfer-Geschichten darstellten. Es ging eher um die Gefühle dazwischen. Welche Art der Verzweiflung oder welche Form von Liebe bringt einen Menschen dazu, zum Mörder zu werden?
Abgesehen davon geht er wohl sehr gezielt an seine Krimis heran. Alles ergibt immer einen Sinn, platzierte Täuschungen wirken nie unfair und plötzliche Perspektivwechsel sorgen dafür, dass sich auf einmal neue Wege auftun oder fremde Sichtweisen in die Handlung eingebracht werden. Bücher wie »Verdächtige Geliebte« gelten daher auch als moderne Meisterwerke und haben im Genre der Krimis für viel Furore gesorgt. Ebenso wie »Unter der Mitternachtssonne«.
Spannend, was ich während meiner Recherche alles über den Autor erfuhr, über den ich zuvor noch rein gar nichts wusste. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum ich so gerne Rezensionen verfasse. Sie zwingen mich dazu, mich noch einmal intensiver mit den Werken und Autoren zu befassen, darüber nachzudenken und Hintergründe zu recherchieren.
Fazit zu »Kleine Wunder um Mitternacht«
Okay, Keigo Higashino ist also kein unbekannter Autor, sondern vielmehr ein Meister der japanischen Krimis. Schön und gut. Aber unter dieser Prämisse müsste ich noch einmal neu urteilen. Denn »Kleine Wunder um Mitternacht« wirkt nicht gerade wie das Werk eines herausragenden Autors, der Maßstäbe im Hinblick auf Krimis gesetzt hat. Es plätschert eher ganz ruhig vor sich hin.
Zugegeben, die Logik, die all diese Kurzgeschichten miteinander verbindet, ohne dass ich es kommen sah, ist brillant. Aber mehr dann auch nicht. Das hier ist kein Meisterwerk und ich suche nach der letzten Seite auch nicht händeringend nach dem nächsten Buch des Autors. Nein, dafür war es am Ende dann doch zu belanglos. Vielleicht finde ich es jetzt, wo ich weiß, wie bekannt der Autor ist, sogar schlechter als zuvor, als ich das noch nicht wusste. Denn mit dem Wissen hätte ich mehr erwartet.
Allerdings ist das Quatsch und beeinflusstes Denken, was mir natürlich klar ist. Und es ist ein Beweis dafür, warum es eben gut ist, einfach zu lesen. Ohne vorab alles Mögliche in Erfahrung zu bringen. »Kleine Wunder um Mitternacht« kann ich all denen empfehlen, die zwischen großen Büchern, die komplex und verschachtelt sind, gerne mal wieder etwas Sanftes, Seichtes, Einfaches lesen möchten. Denn genau das ist »Kleine Wunder um Mitternacht«. Ein paar nette Geschichten für zwischendurch, die am Ende aber doch noch etwas mehr sind als nur ein paar Kurzgeschichten. Ich fand’s gut. Mehr aber auch nicht.